• Dr. Martin Pabst

#TBT 011 Die tote Baroness

Aktualisiert: 30. Dez 2020

Im September 2013 veranstaltete ich für das Deutsch-Baltische Jugendwerk den Intensivkurs Baltikum in Lauenburg. Student:innen aus den baltischen Ländern, Deutschland und Russland lernten und diskutierten gemeinsam mit Experten aus der Wissenschaft eine Woche über das Thema "Ich, wir und die anderen - Vorurteile, Stereotypen und Abgrenzung".

Zur methodischen Vielfalt schrieb ich das Planspiel "Die tote Baroness", in dem die Teilnehmer:innen bewusst Stereotype reflektieren konnten. Heute gibt es hier im Throwback-Thursday die allgemeine Einführung, welche alle Rollen zusätzlich zu ihrer spezifischen Rolleninformation erhielten. Wer am Ende die Baroness getötet hat? Wer weiß?

(Wir tagten in der famosen Jugendherberge "Zündholzfabrik")


Allgemeine Einführung

Ein Gut, irgendwo im Nirgendwo im tiefsten Livland zur Zeit des letzten Zaren. In der „guten, alten Zeit“ scheint die Welt noch in Ordnung. Dass dem nicht im Geringsten so ist, zeigt sich, als eines Morgens, als die Sonne aufgeht, man die junge Baroness auf dem Rasenrondell zwischen Gutshaus und Wirtschaftsgebäuden liegend findet. Auch ohne das Messer in ihrer Brust würde man bei all dem Blut auf den ersten Blick sehen, dass sie tot ist. Doch wer hat sie getötet? Und warum? Man telegraphiert und mit dem Zug kommt noch am selben Tag ein Inspektor der Polizei aus der Stadt angereist, der diesen Todesfall untersuchen soll. Schnell ist klar, dass nur vier Bewohner des Guts unter Verdacht stehen.

Da ist zunächst der Baron, der letzte Spross einer alten Familie. Familien- und Standesehre bedeuten ihm viel, fast so viel wie die Liebe zu seiner Frau, die kurz nach der Geburt der Baroness im Kindbett starb. Seine Tochter war nicht nur die Erbin des Familienbesitzes, sondern sein Ein und Alles, die er auf jeden Fall standesgemäß verheiraten wollte.

Der Vikar stammt aus Deutschland, wo er nach seinem Theologiestudium keine Pfarrstelle fand. Daraufhin wanderte er ins Baltikum aus, wo ihn der Baron für die zum Gut gehörende Kirchengemeinde einstellte. Der Vikar ist ein junger Mann, der sich mit seinen Ansichten recht schnell nicht nur Freunde gemacht hat. Die Sprache der Nichtdeutschen lernt er nur schwer und unwillig, hält ihre Bräuche für heidnisch. Auch die deutsche Oberschicht erscheint ihm moralisch verkommen und intellektuell schrecklich primitiv. Generell ist das ganze Land in seinen Augen gesellschaftlich recht verrottet und rückständig. Der Baroness jedoch war er offensichtlich sehr zugetan.

Die Köchin ist mittleren Alters und gehört seit dem Ende ihrer Kindheit zum Gutspersonal, wo sie sich dank des Wohlwollens des Barons in die Rolle der Hauswirtschafterin hochgearbeitet hat. Sie kennt jeden Winkel des Anwesens und scheinbar auch jeden Winkel in den Seelen seiner Bewohner. Für sie ist die Gesellschaftsordnung grundsätzlich unverrückbar, der Stand, in den man geboren wird, ein gottgegebenes Schicksal, dass man zumindest äußerlich mit Würde erdulden muss.

Der Stallknecht ist ein zorniger, junger Mann, der in seiner spärlichen Freizeit alles liest, was er in die Hände bekommt, vor allem Zeitungen, aber vermutlich auch aufrührerische Schriften, die aus dem Ausland geschmuggelt sind. Er spricht nur mit den Herrschaften deutsch und nur weil er es muss. Er erfüllt seine Pflichten mit Sorgfalt, man sieht ihm seinen Unwillen oft an, genauso, wie die Widerworte, die er meistens jedoch unausgesprochen lässt.


Einer von diesen vier muss die Baroness getötet haben. Aber wer? Und warum?

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