• Dr. Martin Pabst

#TBT 019 Die letzte Reise für lange Zeit

Nun ist es über ein Jahr her, dass ich von meiner letzten Reise zurückgekommen bin. Die seltsamste, skurrilste Reise, die ich in all den Jahren bislang erlebte.

Anfang März 2020: Covid-19 ist schon ein Thema, ist schon angekommen in Europa, in Deutschland. Aber noch üben wir alle - Regierungen und Privatpersonen - uns darin, wie es ist, wenn eine wirkliche Pandemie auf uns zurollt. Meine Reise war lange geplant und noch war das Infektionsgeschehen nicht so wirklich Teil des Alltags geworden. Eher etwas, was sich "für in ein, zwei Wochen" ankündigte. Und doch war der Zug am Montagmorgen, dem 09. März, schon leerer als sonst, der Flughafen Bremen bereits gespenstisch leer.

In Riga fuhr ich direkt in die Wohnung, holte noch schnell etwas Verpflegung im Supermarkt gegenüber. Noch weggehen? Freunde treffen? Nein, der Bus nach Dorpat/Tartu geht ja morgens früh, also ab in die Falle.

Der Bus nach Dorpat/Tartu. Stammstrecke, Routine. In der Regel irgendwas zwischen 75% und 90% ausgelastet, hatte man diesmal seine Ruhe. Wir waren wohl zu dritt oder zu viert, die wir am Busbahnhof neben dem Embach/Emajögi ausstiegen - statt sonst mindestens 10-15 Personen. Und wir ließen gerade mal eine alte Handvoll älterer russischsprechender Frauen zurück, die wohl bis nach St. Petersburg weiterfuhren.

Der Vortrag bei Domus Dorpatensis war erwartbar besucht, die Kneipe zwei Häuser weiter gähnend leer, wie auch der Zug nach Reval/Tallinn am nächsten Tag.

Seit 2010 veranstalten die Deutsche Botschaft und das Goethe-Institut den "Saksa Kevad" (Deutscher Frühling), in dem mit Konzerten, Vorträgen, Lesungen und mehr Deutschland in seiner Vielfalt insbesondere kulturell den Est:innen vorgestellt wird. Die Eröffnung im Kultuurikatel war gut besucht. Das Moderationsduo - beide wohl Student:innen - waren charmant und gut.

Und beim anschließenden Empfang zuckten noch die Hände wie gewohnt zur Begrüßung nach vorn, um dann nach halber Strecke mit einem leicht peinlichen Lächeln zurückgezogen zu werden. Es war noch die Zeit der Kontaktvermeidung, die Aerosole sollten erst später auf unser aller Radar kommen.


Kurz nach halb Elf schien der Abend dann vor den Gemeinderäumen der deutschsprachigen Erlösergemeinde - meinem Quartier - zu enden. Eine gute Freundin hatte mich noch "rumgebracht". Wir hatten uns gefühlte Ewigkeiten nicht mehr gesehen und sie hatte einige Zeit in dem Viertel gewohnt. Die Kneipe an der nächsten Straßenecke sei nett und hätte laut Website noch ne halbe Stunde auf. Wenigstens um ein schnelles "letztes Bier" könnte man das Gespräch noch verlängern.

Man soll nicht alles glauben, was im Internet steht. Es waren außer uns nur vier, fünf andere Gäste da, was aber die Thekenkraft nicht als Grund ansah, Feierabendbeginn nach Kneipenhomepage anzusetzen. Wann hatten wir das letzte Mal uns ohne Hilfe von Telefon oder Messenger so lange unterhalten? Wann hatten wir vor allem das letzte Mal so viel miteinander getanzt? Rückblickend scheint mir, wir hatten eine Ahnung, dass es auf eine wirklich lange Zeit die letzte Chance zu tanzen sein würde.


Am nächsten Morgen saßen wir - kaffeegestärkt - nebeneinander im Symposium in der Nationalbibliothek am Südrand der Altstadt. Doch so spannend die Vorträge waren: Ein Teil unserer Aufmerksamkeit galt den Newstickern der estnischen Medien. Donnerstag. Kabinettssitzungstag. Und mittags dann die Pressekonferenz, in der die Bombe platzte: Der Krisenfall sei ausgerufen, bis Anfang Mai alle Veranstaltungen untersagt. Damit auch die Konferenz, die wir beide mit unserem Team eben genau für Anfang Mai in genau diesen Räumen der Nationalbibliothek vorbereiteten! Und die nun ganz eindeutig auch verboten worden war.


Das Symposium gab uns schon einen ersten Vorgeschmack darauf, wie unser Leben künftig aussehen würde, da ein Referent aus der häuslichen Quarantäne per Skype zugeschaltet wurde. Was eine besondere Absurdität erhielt, da er doch keine 500m Luftlinie von der Bibliothek entfernt wohnt. Als die Schlussdiskussion langsam verebbte, lud der Veranstaltungsleiter zum Empfang. Dem mutmaßlich letzten auf Monate, wie er sagte. Wer konnte denn da ahnen, dass es weit mehr als ein Jahr werden würde?

Die lokalen Teilnehmer verschwanden recht bald und die aus Deutschland angereisten rückten zusammen. Und langsam kippte die Stimmung vom üblichen Konferenz-Schnack über Projekte und Konzepte zum "Wie lange werden noch Flüge gehen? Wer hat welchen gebucht? Kommen wir überhaupt wie geplant nach Hause?"

Als ich am nächsten Morgen aufstand, galt mein banger Blick dem Telefon. Keine Nachricht, keine Mail. Weder vom Fernbus, noch von der Fluggesellschaft. Aber: Ob das was heißen mag? Der Bus nach Riga fuhr. Ziemlich leer. Aber wunderbar pünktlich. Und auch der Flug hob noch ab. Die Bremer Straßenbahn war leer, der Hauptbahnhof genauso wie der Zug. Die Telefonverbindung mit meinem Vorgesetzten hielt trotz aller bekannten Funklöcher erstaunlicherweise bis Kiel. Und als ich nach über 17 Stunden Reise nachts in mein eigenes Bett fiel, stand schon das Konzept für eine digitale Alternative zur "verbotenen Konferenz". Aber das ist eine ganz andere Geschichte.


Ein Jahr später fühlt sich der Rückblick einfach nur noch surreal an. Genauso wie die Fotos der menschenleeren abendlichen Straßen Revals/Tallinns. Und wie die Tatsache, dass es mehr als ein Dutzend Monate her ist, seit ich zuletzt in Lettland oder gar Estland war. Statt ein paar weniger Wochen.

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